Beethoven – fast wie neu Jürg Wyttenbach ergänzte die Skizzen zur Sonate op. 109

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Beethovens Klaviersonate op. 109 ist ein hehres Monument, das in seiner endgültigen dreisätzigen Form vorliegt. Dennoch hat der Pianist und Komponist Jürg Wyttenbach (72) Alternativvorschläge parat. Ein fingerdickes Buch gibt es mit Skizzen zum zweiten und dritten Satz von Beethovens op. 109. Dass sie (und viele andere Entwürfe) nicht verloren sind, ist dem Artaria-Verlag zu verdanken. Heute sind die mit Schwung hingekritzelten und schwer lesbaren Noten des sogenannten Artaria-Skizzenbuchs transkribiert und veröffentlicht – kein Beethoven -Schnipsel zu klein, um nicht von Interesse zu sein.

rudimentär. Bislang hauptsächlich für Musikwissenschaftler. Obwohl die Entwürfe auch für Interpreten aufschlussreich wären. Nun hat sich mit Jürg Wyttenbach ein Interpret und Komponist hinter die Skizzen gesetzt und diese auf eigene Weise vervollständigt. «Viele der Skizzen sind recht banal. Manchmal steht da nur eine Melodie, manchmal nur die Harmonie. Die Sonate war kein Meisterwerk von Anfang an.» Wyttenbach machte selbst die Erfahrung, wie mühselig der Kompositionsprozess vermutlich schon für Beethoven war. «Wie Beethoven musste ich an gewissen Stellen wochenlang laborieren», sagt er.

Welche Kompositionsprinzipien sind ihm bei seiner «nachschöpferischen» Tätigkeit aufgefallen? «Man kann sagen: Beethoven war ein grosser Vereinfacher. Er hat immer die einfachste und klarste Lösung gesucht. Dabei war er vielseitig und unglaublich gewissenhaft im Detail.»

Aus den Skizzen geht hervor, dass Beethoven für den zweiten Satz einen Trio-Mittelteil in Erwägung gezogen hat. Was dieses «Prestissimo» nahe legt, denn es ist eigentlich ein Scherzo. Das dazugehörende Trio hat Wyttenbach nach den Skizzen vervollständigt. Warum aber hat Beethoven das Trio nicht selbst in den Satz eingebaut? «Ich denke, es war ihm zu leichtfüssig für den doch sehr zornigen Prestissimo-Satz», sagt Jürg Wyttenbach . Und hat seine Version dementsprechend auch etwas ruppiger gestaltet.

komplementär. Zu den gedruckten sechs Variationen des dritten Satzes hat Wyttenbach noch einmal sechs eigene Variationen beigesteuert. Die erste stützt sich auf eine Skizze, in der nur die Basslinie und ein paar Seufzerfiguren stehen, sonst nichts. Auch bei Wyttenbach «seufzt» die Musik. Und zwar durch Ober- und Mittelstimme, der Bass ist komplettiert, es gibt dynamische und agogische Vorschriften – die 16 Wyttenbach -Takte sind mehr Konstruktion als Rekonstruktion. Andere Skizzen sind zwar ausführlicher, die Ableitung daraus war einfacher.

ephemer. Doch das kümmert eine schöpferische Figur wie Wyttenbach wenig. Er hat daran Geschmack gefunden, ein bisschen Beethoven zu spielen und schrieb letzten Januar gleich ein weiteres «Beethoven»-Stück.

Es nennt sich «Galopp für ein Pferde-Karussell des Erzherzogs Rudolf» und ist diesmal typisch Wyttenbach’sches Musik-Theater. Die «Pferde-Musik» sollte im «schnellsten Galopp» zum Erzherzog gelangen, wie Beethoven in einem Brief schrieb. Wirklich? Erhalten ist sie jedenfalls nicht, nicht einmal in Skizzen.

Jürg Wyttenbachs Beethoven-Ergänzung ist noch nicht im Handel. Interessenten können sich an die Bibliothek der Musik-Akademie der Stadt Basel wenden.

Benjamin Herzog in:Basler Zeitung, 29.03.2008, Kulturmagazin S. 4