EÖTVÖS-REFLEXIONEN
Was tun, um das Denken und die Persönlichkeit eines hervorragenden zeitgenössischen Musikers adäquat darzustellen, der durch und durch Praktiker ist, dessen «Ecriture» fast ausschliesslich in den Stücken und im Musizieren aufgeht und sich deshalb im Gegensatz zu vielzitierten Exponenten der Avantgarde dem Verfassen musiktheoretischer und -ästhetischer Texte konsequent entzieht? Um die stringenten Gedankengänge und Reflektionen des 1944 in Siebenbürgen geborenen, seit langem global aktiven Komponisten, Dirigenten, Interpreten (Schlagzeug und Klavier) sowie Pädagogen Peter Eötvös auszuloten, hat Michael Kunkel als Herausgeber des umfangreichen Bandes Kosmoi eine stimmige Lösung gefunden. Er hat repräsentative Interviews, literarische Dokumente, Vorträge und Analysen zusammengestellt. So sind im Buch zehn, zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzte, ältere und teils neue Interviews mit dem Gastprofessor des Studienjahres 2005/2006 des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel und der Hochschule für Musik der Musik-Akademie der Stadt Basel mit Gesprächspartnern aus Ungarn und dem deutschsprachigen Raum versammelt, die zwischen 1986 und 2007 entstanden sind. Sie geben einen authentischen Einblick in eine künstlerische Entwicklung, indem sie Fragen nach der kulturellen Herkunft, ästhetischen Grundüberlegungen und kulturpolitischen sowie pädagogischen Reflexionen nachgehen.
Komposition, Improvisation und Interpretation sind eng im musikalischen Denken von Eötvös ineinander verwoben. Im ersten Gespräch mit dem Musikpublizisten Bálint András Varga geht es um kulturelle Einflüsse und grundlegende Einsichten in die kompositorische Verfahrensweise des von Persönlichkeiten wie Zoltán Kodály, Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez geförderten und geforderten Künstlers. Das Klangmaterial sei für ihn eine Art Masse, die eine Geschwindigkeit, eine Strömung, eine Spannung habe, lesen wir. Das habe ihn, wie er Tamás Váczi erläutert, bereits in jungen Jahren zur elektronischen Musik und damit in die wichtigsten Zentren der westlichen Musikwelt des letzten Jahrhunderts – er ging zuerst als Techniker nach Köln, anschliessend als Dirigent nach Paris – geführt. Eötvös geht davon aus, dass die Elektronik die neue adäquate Instrumentenfamilie am Ende des 20. Jahrhunderts sei. Ihre Chance sieht er übrigens gleich wie der von ihm verehrte Béla Bartók darin, mit ihr beliebige Klänge zu produzieren. Erhellend dazu ist auch der Bericht des Komponisten László Sáry über seine Zusammenarbeit mit Eötvös im Budapester Studio für Neue Musik. Aber auch Naturgegenstände wie Steine durch simples Aneinanderschlagen oder volksmusikalische Streicherklänge aus Transsylvanien dienen der Klangerzeugung und brächten ihn damit zum Ausgangs- oder auch Endpunkt seines Komponierens, sagt Eötvös Armin Köhler. Überdies bieten Lautgedichte wie Gebet des österreichischen Experimentallyrikers und Komponisten Gerhard Rühm und Néma zene (stumme Musik) des ungarischen Sprachmagiers Sándor Weöres fundamentale Impulse für sein Schaffen, wobei das Weöres-Gedicht – hier von Erika Regös ins Deutsche übersetzt – als horizontal wie vertikal angelegte Dichtung auch zur musikalischen Konstruktion beiträgt. Beide Gedichte sind verdankenswerter Weise den Texten vorangestellt.
Seine Musik sei eigentlich Theatermusik, deren ursprünglichste Form das Rituelle sei, teilt Eötvös Martin Lorber mit. Im Rituellen vereinen sich Gestik und Klang. Basis aller Künste sei der Zirkus, so Eötvös im Gespräch über seine Oper Le Balcon mit Christian Carlstedt. Komponieren bestünde aus Verzauberung der Zuhörer durch Klang. Wie ein Fotograf nehme er als Komponist Klangbilder auf. Deshalb gebühre der Artikulation beim Musizieren das Primat. Zumal beim Dirigieren nur die Überzeugungskraft und nicht die Technik zähle. Kompositionstechnisch basierten die Stücke von Eötvös auf einfachen Grundformeln oder Intervallverhältnissen, stellt Zoltán Farkas fest. Das 1995 komponierte Atlantis sei für sein Schaffen ein Wendepunkt gewesen, erzählt Eötvös Ulrich Mosch. In diesem Werk verabschiedete er sich von seiner bis dahin favorisierten Vorstellung des Primats des Kalküls für Form und Struktur. Damit ist nichts mehr im Vornherein festgelegt, sondern Form und Struktur werden improvisierend gefunden, indem sie aus dem Material heraus entstehen. Um mit dem Dichter Weöres zu sprechen, wie der Herausgeber Kunkel und der Journalist Torsten Möller in ihrem Interview herausstreichen, werde Form zur Hauptsache, Inhalt zur Stütze. Anhand der Chinese Opera (1986) und den zehn Jahre später entstandenen Shadows analysiert und belegt Mosch den Paradigmenwechsel. Auch als Pädagoge – er unterrichtet Dirigenten – ziele sein Engagement darauf ab, Probleme zu lösen und gewisse bisherige eingeschliffene Sicht- und Hörweisen zu revidieren. Das hat auch beim eigenen Schaffen zahlreiche «Works in Progress» zur Folge gehabt, wie die eingehende Analyse von Kunkel über das bis heute viermal revidierte Klavierstück Kosmos (1961 bis 1999) belegt. Diente als ursprüngliche Inspirationsquelle der erste Weltraumflug Jury Gagarins, wurde diese durch moderne kosmologische Modelle mit gravierenden kompositorischen Folgen ersetzt. In seiner Analyse von Psychokosmos für Cimbalom und Orchester (1993) weist der Komponist Balz Trümpy terzgeprägten Grundtonmodulen einen programmatischen Charakter und somit eine archetypische Prägung zu.
So spannend und prototypisch die Beiträge und Gespräche des Sammelbands sich bis dahin zeigen, so lustlos und willkürlich gibt sich sein Schluss: Der Beitrag von Elisabeth Schwind, in dem sie dem Erfolg des Opernkomponisten Eötvös auf die Spur kommen will, wird der eigenen Ambition ebenso wenig gerecht wie eine hoch dotierte, hier abgedruckte Podiumsdiskussion zu Ehren Eötvös’ anlässlich der Basler Veranstaltungen. Die beiden Gesprächsleiter Mosch und Simon Obert griffen zwar beherzt erneut Hansjörg Paulis berühmte Frage auf, für wen komponiert werde, doch die Komponisten Georg Friedrich Haas, Roland Moser, Isabel Mundry, Mathias Spahlinger verdarben wie zu viele Köche den Brei. Es blieb an Eötvös festzustellen, dass hier so im Allgemeinen gesprochen werde und dass es in der Praxis doch nicht so aussehe … Hilfreich dagegen ist die angehängte Dokumentation mit Werkverzeichnis, Disko-, Filmo- und ausgewählter Bibliografie.
Peter Révai in: Dissonanz Nr. 102 (Juni 2008), S. 54f.
Das Schaffen von Peter Eötvös ist schwer auf einen Punkt zu bringen: Dadurch, dass es sich nicht auf eine bestimmte Ästhetik, einzelne Genres oder Gattungen festlegen lässt, erfordert die Annäherung an Eötvös eine sorgfältige Auslotung und Verknüpfung all jener Kontexte, in denen sich seine Arbeit ereignet. Diesem Ziel widmeten sich die Veranstaltungen rund um eine Gastprofessur, die Eötvös im Studienjahr 2005/06 an der Hochschule für Musik der Musik-Akademie und am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel inne hatte. Die vorliegende Publikation ist einerseits Dokumentation dieses Zeitabschnitts, geht aber andererseits weit über diese Funktion hinaus, indem sie die an Musikhochschule und Universität begonnenen Diskurse aufgreift und vertiefend weiterführt. Neben einer umfangreichen Materialsammlung mit thematisch sehr unterschiedlich ausgerichteten Gesprächen und literarischen Dokumenten, die Eötvös in seinen jüngeren Werken aufgegriffen hat, enthält der Band eine Reihe von sustanziellen Beiträgen, die sein Komponieren im Kontext verschiedener Traditionen und Einfluss-Sphären zeigen oder sich ihm analytisch nähern. Im Mittelpunkt stehen hier etwa die Zusammenarbeit von Eötvös mit dem Budapester Studio für Neue Musik, seine Doppelfunktion als Dirigent und Komponist, die Betrachtung seines „Klangtheaters“ As 1 Crossed a Brzdge of Dreams als interkulturelles Kunstwerk vor dem Hintergrund der japanischen Thematik, die Konstruktion von Musik als Ort der Erinnerung, das Klavierstück Kosmos (1961/1999) oder die Wechselwirkung der Elemente Konstruktion und Improvisation in Arbeiten wie Chinese Opera (1986) und Shadows (1995-96/1997).
Dem Leser bietet sich damit eine zwar selektive, aber immerhin exzellente Möglichkeit, sich mit verschiedenen Aspekten der Arbeit von Eötvös vertraut zu machen, zumal der Anhang mit weiteren Details wie Auswahlbibliographie, Werkverzeichnis und Diskographie aufwartet und dem Buch Nachschlagecharakter verleiht — auch wenn sich das Fehlen eines ausführlichen Registers doch schmerzhaft bemerkbar macht.
Stefan Drees in: Österreichische Musikzeitschrift, 8-9/2008, S. 92f.


