Unterbrochene Zeichen
WEITE DER AUSSTRAHLUNG
Als Heinz Holliger 2003/04 Gastprofessor des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel und gleichzeitig der Hochschule für Musik der Musik-Akademie der Stadt Basel war, schlug er als Thema den Komponisten Klaus Huber vor. Dieser feierte damals seinen 80. Geburtstag und war bei den Studierenden erstaunlich wenig bekannt. Der vorliegende Band widmet sich zum grössten Teil der Dokumentation jenes Jahres und leistet deshalb Spurensicherung in einem Musikerleben, das voll der wichtigsten Ereignisse ist, vor allem durch die Erforschung nicht-temperierter Stimmungssysteme und seiner politisch-soziologischen Fragestellungen. Ausserdem werden literarische Dokumente, die Klaus Huber in jüngeren Werken aufgreift, sowie schriftliche Zeugnisse Hubers aus den letzten Jahren nachgedruckt und dadurch leichter zugänglich gemacht.
Als vorläufige Ergänzung der 1999 von Max Nyffeler herausgegebenen Textsammlung (Klaus Huber, Umgepflügte Zeit. Schriften und Gespräche. Köln: MusikTexte 1999) markiert das Buch eine weitere Etappe in der Erforschung der zeitgenössischen Musik, die zu einem guten Teil von Huber geprägt wird. Nicht direkt zu jenem Basler Jahr gehört das Gespräch, das Claus- Steffen Mahnkopf mit dem Komponisten führte. Die Untersuchungen von Roland Moser und Heidy Zimmermann werden durch die Wiedergabe von farbigen Faksimiles aus der Paul Sacher Stiftung Basel auf reizvolle Art anschaulich gemacht. Weitere Beiträge stammen von Balz Trümpy, Kjell Keller. Gunnar indrichs, Max Nyffeler und Jürg Wyttenbach, einem der engagiertesten, bedeutendsten Interpreten von Hubers Musik.
Als Nachhall von Klaus Hubers Meisterkurs Komposition steuern auch dessen Teilnehmende Beiträge bei: Aitor Arronte, Lars Werdenberg, Michael Pelzel, André Meier und lsabel Klaus. Eine deutliche Beziehung zum Huber-Jahr war nicht die Voraussetzung für den Abdruck, nur die Weite von dessen Ausstrahlung sollte damit deutlich werden. Am Schluss des Buches sind die Werke Hubers dokumentiert, die während des Studienjahres an der Hochschule aufgeführt wurden. Im Unterricht von Roland Moser fanden gleichzeitig Kurse statt zum Thema «Musikalische Zeitreflexionen: Klaus Huber und seine Zeitgenossen». An deren letzter Sitzung im Januar 2004 nahm auch Klaus Huber persönlich teil. In drei Blöcken wurde ausserdem von Heidy Zimmermann an der Universität eine Einführung in Hubers Werk gegeben, und eine Kammermusik-Klasse erarbeitete seine Werke mit der Möglichkeit, mit dem Komponisten selbst zu proben.
Ganz am Ende des Buches fuhrt Michael Kunkel Hubers Werkliste von1997 bis 2006 (!) nach und gibt auch einige Hinweise zur Literatur von Musikwissenschaftlern, die sich mit Klaus Hubers Werk beschäftigt haben.
Theo Hirsbrunner in: Dissonanz Nr. 93 (März 2006), S. 52
Komponist als Botschafter
Eine Basler Publikation über Klaus Huber
An der Hochschule für Musik der Musik- Akademie der Stadt Basel stand das Studienjahr 2003/04 im Zeichen Klaus Hubers. Es gab Konzerte mit Werken des Komponisten, Gespräche mit ihm, Vorträge über seine Musik und einen von ihm geleiteten Kompositions-Meisterkurs. Diese im Rahmen ihres Forschungsauftrags geleisteten Aktivitäten der Basler Musikhochschule sind nun in einer Publikation vereinigt. Der von Michael Kunkel herausgegebene Band bietet darüber hinaus weiterführende Dokumentationen und Reflexionen, beispielsweise die Erstveröffentlichung von Hubers Komposition «Nous? La raison du coeur . . .» im Faksimile oder Beiträge der Komponisten des Meisterkurses.
Angesprochen werden Werke aus allen Schaffensphasen des mittlerweile 81-jährigen Komponisten. Heidi Zimmermann von der Paul-Sacher- Stiftung geht anhand von Skizzen der Zeitgestaltung in Hubers Kompositionsprozess nach. In einem längeren Interview mit Anton Haefeli spricht Huber über sein Musiktheaterstück «Schwarzerde», das 2001 in Basel uraufgeführt wurde. Was den Komponisten an dessen Hauptfigur, dem während der Stalin-Diktatur verfolgten russischen Dichter Ossip Mandelstam, interessierte, ist die Verknüpfung von ästhetischem mit existenziellem Widerstand. Die Stärke des Buches besteht darin, dass sich die meisten Texte über die Werkanalyse im engeren Sinn hinaus mit den geistigen Ideen Hubers auseinandersetzen. Denn dieser versteht seine Musik nicht als «Art pour l'art», sondern als Botschaften. Kjell Keller sieht die arabischen Elemente in Hubers Musik als demonstrative Hinwendung zu dieser Kultur vor dem Hintergrund der durch den ersten Golfkrieg ausgelösten Kulturdebatte. Max Nyffeler, der die Schriften Hubers herausgegeben hat, betrachtet das Werk des Komponisten im Spannungsfeld von politischem Engagement und religiöser Transzendenz und untersucht, wie sich diese Botschaften musikalisch artikulieren und wie sie sich im Verlauf der Jahre verändert haben.
Thomas Schacher in: Neue Zürcher Zeitung, 17.06.2006, S. 73
… Frischer, unmittelbarer und durchaus abwechslungsreicher wirkt daneben das Buch über den 15 Jahre älteren (und für Holliger früh wegweisenden) Klaus Huber, auch wenn es nur die nachweislichen Ergebnisse eines ihm gewidmeten Studienjahres 04/05 von Universität und Hochschule in Basel zusammenfasst. Doch reicht da die Spannweite immerhin von einer dritteltönigen Chanson des 16. Jhts. bis zu der Überzeugung, „das Überleben der Menschheit“ müsse gerade jetzt „in einer weit aufgefalteten, umfassenden humanen Ratio beginnen“ — angesichts der Schrecknisse des Irak-Krieges. Und dazwischen gibt es Hubers eigene, wunderbar instruktive Entwurfsgraphiken zu seinen Werken (aus der Paul Sacher-Sammlung), auch Einblicke in seine literarischen, ästhetischen sowie arabischen Anregungsquellen, Aufschlüsse und Urteile zu einzelnen seiner Kompositionen, ja gar Selbstpräsentationen von fünf seiner Schüler. Es ist ein überraschender Irrgarten aus Ansichten und Einsichten, der da mit aktiver Beteiligung des Geehrten (zum 80. Geburtstag) von 21 Autoren und Freunden um ihn her ausgebreitet wird. …
ÖMZ


