Praha
… Völlig anders dagegen Jakob Ullmanns „Praha“ für Streichtrio, Flöte, Fagott, Sängerin und Schlagzeug, eine fragile Musik der anwesenden Abwesenheit. Das Stück besteht aus langen Liegetönen an der unteren Hörschwelle, die sich kaum merklich mikrotonal und klanglich verzweigen. Dazu wird über Lautsprecher unverständliches, leises Stimmengewirr hörbar. Auch wenn man nicht weiß, dass es Namen von ins KZ Theresienstadt deportierter Prager Juden sind, die hier verlesen werden, teilt sich das Unverständliche als Verlust mit. Das einzige Crescendo während des fast einstündigen Werks ereignet sich nicht wirklich als Zuwachs an Lautstärke, sondern als spürbar zunehmende Intensität eines Streichertremolos auf dem Holzkorpus statt auf den Saiten. Statt geblendet wird das Ohr zu genauem Hinhören gebannt. Das Studentenensemble der Hochschule für Musik Basel setzte sich immer wieder mutig der bewusst gesuchten Gefahr aus, dass leise und leiseste Töne nicht ansprechen oder wegbrechen. Ullmanns zur Ewigkeit verlängerter stiller Augenblick ist ein echter Ohrenöffner, ein radikaler Gegenentwurf zur beschleunigten Alltagswelt und lärmenden Unterhaltungsindustrie samt allem wohlfeilen Schoah-Business. …
Rainer Nonnenmann in: Kölner Stadtanzeiger, 6.04.2008, S. 31.


