Der eifrige Sammler
Am Symposium zum Kagel -Festival wurde der argentinisch-deutsche Komponist als passionierter Sammler gezeichnet, der aus unmöglichsten Gegenständen Töne zu entlocken versucht.
Wie viele andere Künstler war auch der 75-jährige argentisch-deutsche Komponist Mauricio Kagel zeitlebens ein passionierter Sammler, der alles hortete, was Klänge von sich gab. Dies berichtet der Musiker, Komponist und frühere Assistent von Mauricio Kagel an der Musikhochschule Köln, Daniel Weissberg, in seinem Vortrag an der Tagung «Der Schall - Mauricio Kagels Instrumentarium» an der Musik-Akademie Basel (siehe auch Bericht oben)
«Wenn wir auf Konzertreise an einem Schaufenster vorbeikamen, in welchem Kagel etwas entdeckte, das Töne oder Geräusche machte, so stürzte der Maestro in den Laden um es zu kaufen», erzählt Weissberg. Gemeinsam mit einer Unzahl von Kagel selber entwickelten Instrumenten hatte sich mit der Zeit eine gewaltige Masse von Klangerzeugern angehäuft, die schliesslich in 70 Kisten und Koffern verpackt als Depositum der Paul Sacher Stiftung im Depot des Historischen Museums Basel landeten.
In den 60er- und 70er-Jahren beschäftigte sich Mauricio Kagel mit allem, das als Musikinstrument für seine avantgardistischen Kompositionen verwendet werden konnte. Von der Musikwissenschaftlerin Kerstin Neubarth erfährt man im Vortrag über Kagels «Musik für Renaissance-Instrumente» (1966), dass der Komponist sich sämtliche damals erhältliche wissenschaftliche Literatur über historische Musikinstrumente beschaffte, um sich genau über deren Einsatzmöglichkeiten zu informieren und alle für seine Zwecke verwendbaren Klangerzeuger auszusuchen.
Dabei schreckte Kagel auch nicht davor zurück, die historischen Instrumente auf höchst unkonventionelle Weise spielen zu lassen - was damals für alle Interpreten Alter Musik ein Sakrileg war: «Unsauberes» Spiel wie unpräzises Streichen der Saiten oder nur halb abgedeckte Tonlöcher bei den Blasinstrumenten sollten Verfremdungseffekte bewirken mit dem Ziel, traditionelle Hörgewohnheiten aufzubrechen.
Ähnlich ging der Klangmagier bei seinen Kompositionen «Heterophonie» (1961) und «Exotica» (1971/72), beide für aussereuropäische Instrumente, vor. Dabei war ihm wichtig, dass die Musiker die exotischen Instrumente möglichst zum ersten Mal in Händen hielten. Dies wiederum mit der Absicht, Unsicherheit und Verfremdung zu erzeugen.
Bei allem kam der Humor, für den Kagel berühmt ist, nicht zu kurz. Der Musikwissenschaftler Matthias Rebstock demonstrierte am 1968 geschriebenen «Der Schall » für fünf Spieler, wie Kagel mit ausgefallenen Spielanweisungen (wie eine Schildkröte mit einem Schlagzeugbesen streicheln, Küssen der Blasinstrumente, immer asthmatischer blasen, eine Lokomotive mimen und ähnliche akrobatische Spieltechniken) komische Situationen erzeugt, die zum Schmunzeln anregen. Dabei lege Kagel allerdings grossen Wert darauf, dass der Humor der Ironisierung diene und nie zum Selbstzweck werden dürfe, sich also immer der Musik unterordnen müsse. (Zum Thema Humor in Mauricio Kagels Musik siehe auch die bz vom 9. Februar.)
Das vielleicht wichtigste Charakteristikum der Kagelschen Musik dürfte aber vermutlich die unabsehbare Zahl unterschiedlichster Klangerzeuger sein, die der Tüftler Mauricio Kagel seit den späten 60er-Jahren entwickelt hat; die im vergangenen Jahr im Musikmuseum Basel gezeigte Ausstellung «Kind und Kagel » war dafür der beste Beweis.
Gartenschlauch, Kochtopf, Nagelgeige, (Riesen-)Kastagnetten-Tastatur, fünfzüngige Ratschenmaschine, Mirliton (Plastikkamm mit Seidenpapier), Querstromlüfter, Pfeifenschlauch, Resonanzdose: Ein jedes Mass sprengendes Panoptikum von Klangmaschinen, das die Kuratorin des Musikmuseums Basel , Martina Papiro, vor gänzlich neue Probleme stellte - liessen sich doch viele dieser obskuren Klanggeräte kaum mehr in die klassischen Instrumentenkategorien wie Blas-, Streich- oder Schlaginstrumente einordnen.
Rolf DeMarchi in: Basellandschaftliche Zeitung / MLZ; 12.02.2007


