Missa ad te levavi

Balz Trümpy: Missa ad te levavi, Partitur, Seite 1.

Forschungsschwerpunkte: Forschung durch Musik
Forschungsfeld: Semiologie adiastematischer Neumen, zeitgenössische Interpretation von gregorianischem Choral
Forschungsteam: Balz Trümpy
Projektdauer: 2010

Die Missa ad te levavi ist das kompositorische Resultat eines Forschungsprojekts, das ich im Auftrag der Hochschule für Musik Basel durchführte. Seit meiner Begegnung mit dem gregorianischen Choral, die auf die inspirierende Bekanntschaft mit Christopher Schmidt, dem langjährigen Dozenten für Choralgesang an der SCB zurückgeht, schwebte mir eine kompositorische Weiterführung nicht nur der tonalen Prinzipien des mittelalterlichen Tonsystems vor, sondern auch der interpretatorischen Fragen, welche durch die grundlegenden Erkenntnisse Eugène Cardines (Sémiologie Grégorienne, Solesmes 1979) und seiner bis heute unermüdlich forschenden Nachfolger über die Semiologie der adiastematischen Neumenschrift aufgeworfen wurden. Ziel meiner Arbeit war es, die umfassenden Kenntnisse jener Forscher mitsamt den damit zusammenhängenden ungelösten und oft kontrovers diskutierten Problemen zu studieren und auf schöpferische Art für die kompositorische Praxis nutzbar zu machen.  Dies geschah in einem zweistufigen Verfahren: Zuerst ging es um das vergleichende Erfassen der interpretatorischen Ansätze auf dem Stand der heutigen Forschung. Es versteht sich von selbst, dass sich dabei bereits Präferenzen für gewisse Richtungen ergaben, so z.B. bei der schwierigen und bis heute ungelösten Frage der rhythmisch-metrischen Gestaltung des Chorals. Die zweite Stufe bestand in der kompositorischen Anwendung der wissenschaftlichen Ergebnisse. Dies implizierte eine Freiheit der künstlerischen Entscheidung in strittigen Fragen, wie sie der Wissenschaft nicht gegeben ist.
Ein gewichtiger Aspekt betraf die Notation. Ich habe eine Umschrift entwickelt, welche es dem Sänger erlaubt, ohne Kenntnis der Neumenschrift meine persönliche Deutung der mittelalterlichen Zeichen umzusetzen. Dabei ging ich von den Möglichkeiten aus, welche in der Notation zeitgenössischer Musik vielfach erprobt wurden. So verwende ich etwa in der rhythmischen Darstellung eine Art von space notation.
Missa ad te levavi ist das Resultat einer persönlichen musikpraktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse, welches keinerlei Anspruch auf historische Richtigkeit erhebt, sondern meine Sicht der wunderbaren Vielfalt des gregorianischen Chorals darstellt. Die Zeitlosigkeit des Kerns einer jeden musikalischen Aussage machte es möglich, die Gesänge des Propriums zum ersten Adventssonntag mit den Ordinariumsteilen zu verbinden, die meiner Vokalkomposition Polyptychon aus dem Jahre 1985 entstammen. Die 2010 neu geschriebenen Übergänge zwischen den beiden Stilen zeigen, dass eine Verbindung zwischen den Jahrhunderten im Sinne von Bernd Alois Zimmermanns „Kugelgestalt der Zeit“ in wenigen Takten möglich ist.
Die Idee, die Messe mit der Lesung einer Predigt von Meister Eckhart zu kombinieren, ergab sich dabei wie von selbst: Gewichtige Teile des Vokalwerks Polyptychon verwenden Ausschnitte aus Predigten dieses mittelalterlichen Mystikers, der aus neuplatonischen Quellen schöpft und sich so in die Reihe der ewigen Philosophie einfügt, die keinerlei konfessionelle Bindung kennt.

Balz Trümpy