Einblicke/Perspektiven. Instrumentalunterricht für Blechbläser

Forschungsschwerpunkt: Pädagogische Forschung
Forschungsfelder: Lehr-Lernforschung, Fachdidaktik und Fachmethodik der Blechblasinstrumente, Unterrichtsbeobachtung, Gestaltung von Lehrplänen
Forschungsteam: Peter Knodt, Heiner Krause, Stefan Ruf-Lenzin (Dozenten für Fachdidaktik und Fachmethodik der Blechblasinstrumente, Hochschule für Musik Basel, Hochschule der Künste Zürich), Silvia Bergmann (Videorealisation), Stefan Häussler (wissenschaftliche Betreuung)
Projektdauer: 2004-2008
Publikation: Peter Knodt, Stefan Ruf-Lenzin, Heiner Krause, Einblicke/Perpektiven. Instrumentalunterricht für BlechbläserInnen. 21 Videodokumentationen für Lehre, Forschung und Weiterbildung, 6 DVDs [erhältlich über
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]
Partner: Universität der Künste Berlin, Fakultät Musik
Um Prozesse des Lehrens und Lernens darzustellen und erforschbar zu machen, wurden im Projekt «Einblicke/Perpektiven. Instrumentalunterricht für BlechbläserInnen» verschiedenste Unterrichtssituationen auf Video dokumentiert. Als erstes Produkt liegt nun eine DVD-Box mit 21 ausgewählten Lektionen für Lehre, Forschung und Weiterbildung vor.
«Obwohl sich die Instrumentaldidaktik in den letzten 25 Jahren durch viele innovative Fachveröffentlichungen, Konzepte und Lehrwerke enorm entwickelt hat, sind die Möglichkeiten von Lehr-DVDs bislang nur wenig genutzt worden. Das Basler Projekt Einblicke/Perspektiven liefert nun ein vielfältiges Anschauungsmaterial sorgfältig geplanter und aufgenommener Unterrichtssequenzen. Es gibt didaktisch Einblicke in diverse Arbeitsbereiche, -methoden und -formen des Unterrichts auf Blechblasinstrumenten mit Schülern verschiedener Altersgruppen und Ausbildungsniveaus. Die Möglichkeit, die Sequenzen mehrmals sehen können, fördert das genaue Beobachten und Analysieren von Unterricht. Mit grossem Gewinn lassen sich die DVDs in mehreren Ausbildungsbereichen einsetzen: im hochschulischen Methodikunterricht für Blechblasinstrumente, in Lehrveranstaltungen des Fachs Musikpädagogik bzw. Allgemeine Instrumentaldidaktik, für interne und externe Fortbildungen von Instrumentallehrkräften, für die Elternarbeit an Musikschulen.»
Prof. Dr. Ulrich Mahlert, Universität der Künste Berlin, Fakultät Musik
Essay
Das Unterrichten erforschen: zur Anschaulichkeit von Lehr- und Lernsituationen
Wenn Instrumentalisten lernen, selbst zu unterrichten, greifen sie zuallererst auf ihre Erfahrungen mit den eigenen Instrumentallehrern zurück. Die Intensität dieser Lehr- und Lernerfahrungen unter vier Augen hat in der Regel zu Schlüsselerlebnissen und bleibenden Eindrücken geführt. Anders als in den Klassenzimmern der allgemeinbildenden Schulen ermöglicht der Instrumentaleinzelunterricht zumeist nicht, auch einmal als mehr oder weniger unbeteiligter Zuschauer auf das Geschehen zu blicken. Man ist vielmehr ständig gefordert.
Eine der wichtigsten Aufgaben im Fachdidaktik und Fachmethodikunterricht einer Musikhochschule zielt somit darauf ab, zunächst das Beobachten von Instrumentaleinzelunterricht aus einer Aussenposition zu lernen. Die am häufigsten genutzten Möglichkeiten hierzu bestehen darin, als stiller Beobachter im Unterrichtsraum anwesend zu sein. Man kann auch das Unterrichtsgeschehen selbst in einen anderen Raum verlegen und etwa auf einer Bühne vor einem Publikum zur Schau stellen, wie es die InstrumentalistInnen von sogenannten Masterclasses im Rahmen von Workshops bei berühmten Lehrern gewohnt sind. Die verschiedenen Arten der Anwesenheit von Dritten nehmen auf das Unterrichtsgeschehen Einfluss. Das lässt sich auch dann nicht ganz vermeiden, wenn Videoaufnahmen verwendet werden.
Im Basler Projekt Einblicke/Perspektiven. Instrumentalunterricht für BlechbläserInnen wurde versucht, den aufgezeichneten Unterricht möglichst wenig durch die Anwesenheit der technischen Apparate und der Personen zu ihrer Bedienung zu stören. Die zwei Kamerafrauen und der Toningenieur bildeten aber bereits eine Überzahl gegenüber den zumeist zwei Akteuren des Unterrichts. Anwesend waren jedoch auch die beiden anderen Lehrer der Dreiergruppe von Fachdidaktik- und Fachmethodiklehrern, die das Projekt initiiert hatten, sowie zeitweise die Eltern und andere Begleitpersonen der Schüler. Für die Instrumentallehrer ergab sich somit bereits während der Aufnahmen, für ihre Studierenden dann bei der Präsentation der Videomaterialien ein Gewinn an Anschaulichkeit, mit dem sie unterschiedlich umgegangen sind.
Konkretes Handeln in spezifischen Situationen
Die Lehrer Peter Knodt (Trompete), Heiner Krause (Horn) und Stefan Ruf-Lenzin (Horn) liessen ihren eigenen Blechblas-Instrumentalunterricht mit überwiegend jugendlichen Schülern aufzeichnen. Sie veränderten im Verlauf des Projekts ihre Unterrichtsplanungen. Anfänglich beabsichtigten sie, hauptsächlich allgemein verbindliche Unterrichtsinhalte auf den Videos festzuhalten wie beispielsweise spieltechnische Anweisungen. Nachdem eine erste Folge von Aufnahmen hergestellt und im Hochschulunterricht verwendet worden war, bildeten sich neue Schwerpunkte heraus. Die Videomaterialien erwiesen sich als sehr geeignet, das jeweilige Handeln der beteiligten Akteure vor dem Hintergrund möglicher Optionen zu ergründen. Weniger das Allgemeine und Abstrakte konstanter Lerninhalte als vielmehr das Spezifische und Konkrete flexibler Unterrichtssituationen erwies sich als geeigneter Ausgangspunkt für den nachfolgenden Umgang mit den Aufnahmen. Die Personen mit ihren individuellen Bedürfnissen, nicht die generellen sachlichen Anforderungen standen im Zentrum.
Rollenerwartungen und Rollenidentifikationen
Umfangreiche Befragungen der beteiligten Lehrkräfte und der Studierenden, denen eine erste Folge von Unterrichtseinheiten auf Video im Rahmen ihres Fachdidaktik- und Fachmethodikunterrichts vorgeführt wurden, ergaben unter anderem, dass letztere das dringende Bedürfnis haben, sich an einer Instrumentallehrperson als Rollenvorbild zu orientieren. Als wesentliche Motivationen für die Wahl des Studienfachs gaben die befragten Studierenden Antworten, die ein Streben nach zugleich fürsorglichem und an der eigenen Person orientierten Verhalten offenbarten. Die Lehrkräfte liessen eine grössere Bandbreite von Motivationen, die zudem untereinander ausgeglichener gewichtet wurden, für die Wahl ihres Berufs und ihr entsprechendes Handeln im beruflichen Alltag erkennen.
Unterrichtsatmosphäre
Im Instrumentalunterricht geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen und das Antrainieren bestimmter manueller Fertigkeiten. Im Zentrum steht die Musik und damit ein Handeln, das auf das Empfangen und Anregen von Sinneseindrücken und Emotionen zielt. Bei der Erstellung und der Präsentation der Videomaterialien wurde deutlich, dass zur Initiierung des entsprechenden Verhaltens und Geschehens ein Transfer von Normen und Wissen förderlich ist, bei dem in komplexer Weise verschiedene Bereiche des Kommunizierens miteinander verbunden sind. Wie von knappen verbalen Erläuterungen, oder vielleicht nur von einem stimmlichen Ausruf unterstützte Gesten der Lehrperson das musikalische Geschehen beflügeln konnten, auf welche komplexe Weise Sinnzuschreibungen dabei erfolgen können, liess sich mit Hilfe der Videos detailliert nachvollziehen.
Perspektiven für die pädagogische Forschung und Konsequenzen für den Hochschulunterricht
Die vorläufigen Ergebnisse hochschulinterner Befragungen und die entsprechende Anpassung einer zweiten Phase von Videoaufzeichnungen lassen es als wünschenswert erscheinen, dass man sich mit den Materialien an ein grösseres Zielpublikum wendet und dessen Reaktionen aufnimmt. Hier ist in erster Linie an Instrumentallehrkräfte an Musikschulen gedacht, die nach dem Absolvieren ihrer Hochschulausbildungen weitere Lehrerfahrungen gesammelt haben.
Für den Fachdidaktik- und Fachmethodikunterricht an der Musikhochschule zeichnet sich ab, dass vermehrt auf eine Vermittlung von Lehr- und Lernmethoden sowie allgemein auf musikalische Fähigkeiten und Interessen im Kontext Wert gelegt werden sollte. Das Absolvieren von Lehrplänen mit feststehenden Unterrichtinhalten wie technischen Übungsprogrammen etc., auf denen vielerorts noch immer ein Schwergewicht liegt, tritt demgegenüber zurück. Den Studierenden sollte eine Vielzahl von Möglichkeiten angeboten werden, wie sie zum selbst in der Regel als Kinder und Jugendliche erlebten Instrumentalunterricht in kritische und produktive Distanz treten. Das ist erfahrungsgemäss keine leichte Aufgabe. Die Verwendung von Videomaterialien kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Stefan Häussler


